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Politik

Afrika: Mehr Armut trotz Wirtschaftswachstum

Jan Philipp Wilhelm
18. März 2020

Viele afrikanische Länder verzeichnen seit Jahren hohe Wachstumsraten. Trotzdem ist die Armut auf dem Kontinent laut einer aktuellen Studie wieder gestiegen. Wie kann das sein?

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Angola Slum Kinanga in Luanda
In Angolas Haupstadt Luanda sind glitzernde Luxusyachten und bittere Armut nur wenige Kilometer voneinander entferntBild: DW/N. Sul d'Angola

Geht es um Armut in Afrika, gibt es viele Missverständnisse. So ist laut Umfragen ein Großteil der Menschen in Europa und Nordamerika davon überzeugt, dass sich beim Kampf gegen die extreme Armut auf dem Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten wenig bis gar nichts getan habe. Überraschend ist das nicht: Stereotype aus der Kolonialzeit, Erinnerungen an die schrecklichen Hungersnöte der 1980er-Jahre und die aktuelle Berichterstattung über Flüchtlinge versperren leicht den nüchternen Blick auf die Lebensumstände der Menschen in afrikanischen Ländern.

Tatsächlich legen die nackten Zahlen sogar das Gegenteil nahe: Es gibt Fortschritte - zumindest beim Anteil derjenigen, die von weniger als 1,90 US-Dollar am Tag leben müssen. "Insgesamt ist der Anteil der Menschen in Afrika, die in monetärer Armut leben, eindeutig zurückgegangen, von 54 Prozent im Jahr 1990 auf 41 Prozent im Jahr 2015", betont der Weltbank-Ökonom Luc Christiaensen im DW-Interview. Dazu beigetragen hätten vor allem der Ausbau von Infrastruktur im ländlichen Raum, die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft und das jahrelange, robuste Wirtschaftswachstum in den meisten afrikanischen Ländern. 

Pumpe zur Wasserversorgung Afrika
Je besser die ländliche Infrastruktur, so gering oft die Armut im jeweiligen LandBild: Imago/Peter Udo Maurer

Der Trend ist also positiv, doch zur ganzen Wahrheit gehört auch: Durch das rapide Bevölkerungswachstum hat sich die absolute Zahl der Armen in Afrika sogar erhöht, von 278 Millionen auf 413 Millionen. Das wichtigste Vorhaben der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der UN - das Ende aller Formen von Armut bis zum Jahr 2030 - wird Afrika deshalb aller Voraussicht nach klar verfehlen. Schätzungen der Weltbank zufolge werden auch 2030 immer noch 20 Prozent aller Menschen südlich der Sahara in Armut leben, falls die Regierungen Afrikas ihre Bemühungen in der Armutsbekämpfung nicht deutlich verstärken.

Studie: Gelebte Armut angestiegen

Allein: Danach sieht es im Moment nicht aus. Das zumindest legt eine aktuelle, repräsentative Studie des panafrikanischen Forschungsinstituts Afrobarometer nahe, das Menschen in mehr als 30 afrikanischen Ländern regelmäßig zur Versorgung ihrer Grundbedürfnisse befragt. Wie häufig hatten Sie im letzten Jahr nicht genug zu essen? Wie häufig hatten Sie kein sauberes Wasser zur Verfügung? Das Ergebnis fassen die Forscher im sogenannten Lived Poverty Index (LPI) zusammen, dem Index der gelebten Armut.

Die Ergebnisse der in diesem Monat veröffentlichten Studie sind ernüchternd. Demnach ist die gelebte Armut zwischen 2014 bis 2018 erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt im afrikanischen Durchschnitt wieder leicht angestiegen, in manchen Ländern - darunter Südafrika, Niger und Uganda - sogar beträchtlich. Zwar geht es den Menschen demnach im Schnitt immer noch besser als vor rund zehn Jahren, doch die Zahlen deuten auf tieferliegende Schwierigkeiten beim Kampf gegen Armut hin.

Infografik Karte Alltagsarmut in Afrika DE

Für Studienautor Robert Mattes, Politikwissenschaftler an der Universität Strathclyde in Schottland, hat der jüngste Anstieg einen Hauptgrund: "Die seit Jahrzehnten andauernde Demokratisierung Afrikas ist zum Stillstand gekommen", erklärt Mattes im DW-Interview. Selbst ehemals gut funktionierende Mehrparteiensysteme wie in Sambia, Tansania oder Benin, seien inzwischen durch autoritäre Führungspersonen unter Druck geraten. "Dieser Rückgang bei der Demokratie führt zu einer Vernachlässigung der Bedürfnisse insbesondere der Landbevölkerung. Es gibt weniger Anreize, sich um die Dinge zu kümmern, die Armut reduzieren", so Mattes.

Daten aus der Studie würden zeigen, dass die gelebte Armut dort am niedrigsten sei, wo etwa Stromnetze, Kanalisation, Straßen, Mobilfunk vergleichsweise gut ausgebaut seien. Deshalb müssten Regierungen jetzt vor allen Dingen in die öffentliche Infrastruktur investieren, fordert Mattes.

Ungleichheit als Antreiber von Armut

Zwar korrespondieren die Ergebnisse der Afrobarometer-Studie mit den Einschätzungen anderer Organisationen zur Armut in Afrika, doch sie werfen auch ein scheinbares Paradox auf. Denn seit Jahren verzeichnen Afrikas Volkswirtschaften einige der höchsten Wachstumsraten der Welt, zwischen 2000 und 2018 stieg das Bruttoinlandsprodukt im afrikanischen Durchschnitt um 4,7 Prozent pro Jahr. Zwar sind die Zahlen in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen, trotzdem bleibt die Frage: Müsste sich Afrikas Wirtschaftswachstum nicht auch in der Armutsentwicklung wiederspiegeln?

Henry Ushie, Mitarbeiter bei Oxfam Nigeria, hat eine Erklärung für die mitunter große Diskrepanz: "Wenn wir Armut bekämpfen wollen, müssen wir zuerst die Ungleichheit bekämpfen. Ungleichheit ist größte Antreiber von Armut auf der ganzen Welt." Das Wirtschaftswachstum, in großen Teilen auf den Verkauf von Rohstoffen zurückzuführen, komme schlicht nicht bei den normalen Menschen an. Ausgerechnet in Nigeria, Afrikas größter Volkswirtschaft, sei die Ungleichheit besonders hoch.

Nigeria schwimmender Slum in Lagos
In Nigerias Wirtschaftsmetropole Lagos drängt Gentrifizierung die Armen in Slums auf dem WasserBild: picture-alliance/Anadolu Agency/M. Elshamy

Ushies Organisation Oxfam bewertet deshalb mit dem sogenannten Commitment to Reduce Inequality Index die Bemühungen von Regierungen im Kampf gegen Ungleichheit. Untersucht werden unter anderem Steuergerechtigkeit, Investitionen in Bildung und Gesundheit, sowie die Gleichstellung der Geschlechter. Die Resultate einer jüngsten Erhebung in mehreren westafrikanischen Ländern seien ernüchternd, so Ushie: "Die Regierungen in der Region sind nicht besonders engagiert und leider liegt Nigeria sogar auf dem allerletzten Platz."

Coronavirus "weitere Hürde" für afrikanische Regierungen

In naher Zukunft dürfte auf afrikanische Regierungen nun auch noch ein weiteres Problem zukommen: Das Coronavirus, das nicht nur die Gesundheitssysteme der afrikanischen Länder vor Herausforderungen stellen könnte, sondern jetzt schon für eine Abkühlung der Weltwirtschaft sorgt. "Die Preise für Öl und andere Rohstoffe werden fallen und Länder, die vom Export dieser Rohstoffe leben, werden sich weiter verschulden müssen", befürchtet Luc Christiaensen von der Weltbank. Ob weniger vom Export abhängige Länder ebenfalls betroffen sein werden, bleibe abzuwarten. Klar sei aber jetzt schon: "Im Kampf gegen die Armut hat das Coronavirus afrikanischen Regierungen ein weiteres Hindernis in den Weg geworfen."

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